Zwischen Klangtradition und Klangvision
Carl Rütti (*1949 in Fribourg) zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten für Chormusik im deutschsprachigen Raum – mit internationaler Strahlkraft. Seine Musik ist fest in der europäischen Tradition verwurzelt und atmet doch die Weite globaler Klangkulturen. Sie beeindruckt durch eine farbige, rhythmisch wie melodisch dichte Tonsprache – modern, textnah und menschlich-emotional erfahrbar.
Nach seiner musikalischen Ausbildung in Zürich (Klavier bei Sava Savoff, Orgel bei Erich Vollenwyder) und einem prägenden Studienjahr in London, wo er sich bei Kendall Taylor (Klavier) und Richard Latham (Orgel) weiterbildete, kam Carl Rütti in Kontakt mit dem typisch englischen Chorgesang – eine Begegnung, die seine kompositorische Laufbahn nachhaltig beeinflussen sollte. 1981 brachte die BBC mit der Ausstrahlung seiner zehnstimmigen Rilke-Motetten erstmals seine Chormusik einem internationalen Publikum näher. Es war der Auftakt zu einer Laufbahn, die ihn in renommierte Konzertsäle und Kathedralen weltweit führte.
Rüttis Werke bestechen durch ihre klare und originalgetreue Textvertonung, die eine lebendige, nahezu liturgisch atmende Rezitation ermöglicht. Sein Stil vereint anglikanische Klangästhetik mit der farblichen Vielfalt europäischer Mehrstimmigkeit. Harmonisch reich, verspielt und lebensfreudig, aber nie exaltiert, entfaltet seine Musik ihre Wirkung oft in weiten, fließenden Klangwolken. Raum, Stille und Akustik werden dabei zum integralen Bestandteil des klanglichen Geschehens. Seine Werke sind offen für Einflüsse anderer Kulturen – und doch stets getragen von einem tiefen Traditionsbewusstsein.
Rütti versteht es, mit musikalischen Mitteln Geschichten zu erzählen, und schreibt Musik, die nah am Menschen ist. Sie entspringt einer künstlerischen Haltung, die die Bewahrung der Schöpfung, Naturverbundenheit und den Dienst am Hörer in den Mittelpunkt stellt. Diese Haltung hat seine Chormusik über konfessionelle und geographische Grenzen hinaus bekannt gemacht.
Zu seinen international meistgesungenen Werken gehört das vielstimmige Requiem (2008) für Chor und Orchester, an dessen Aufführung auch das Vokalensemble Crescendo unter der Leitung von Volker Hagemann 2017 beteiligt war. Die Aufführung seiner zehnstimmigen Motette Alpha et Omega bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall (1999) oder die Uraufführung der 40-stimmigen Motette Veni Creator Spiritus in der Ely Cathedral zählen zu den Höhepunkten seiner Karriere.
Weltweite Aufführungen durch renommierte Ensembles wie die BBC Singers, The Bach Choir London, King’s College Choir Cambridge, den San Francisco Symphony Chorus oder den Kammerchor Stuttgart belegen die internationale Resonanz seines Schaffens. Auch die Schweizer Chorszene – etwa Audite Nova Zug, Vokalconsort Zürich oder Molto Cantabile Luzern – begleitet seine Musik seit vielen Jahren.
Carl Rüttis Chormusik ist vielfach dokumentiert – auf Tonträgern bei Guild, Naxos, ASV, Herald, auf Spotify und in Rundfunk- und Fernsehübertragungen der BBC. Besonderes Ansehen erwarb er sich 2014, als Sir Stephen Cleobury ihm – als einem der wenigen nicht-britischen Komponisten – das neue Carol für das legendäre Festival of Nine Lessons and Carols am King’s College Cambridge anvertraute. 2024 folgte ein Kompositionsauftrag der American Guild of Organists für deren National Convention in San Francisco.
2005 wurde Carl Rütti mit dem Anerkennungspreis des Kantons Zug ausgezeichnet, 2015 mit der Orlando-di-Lasso-Medaille für sein Lebenswerk im Bereich der geistlichen Chormusik. Heute lebt und arbeitet er in Oberägeri im Kanton Zug, wo er als Organist und Komponist mit unverändertem Schaffensdrang wirkt – tief verbunden mit der Musik, der Natur und den Menschen.
















